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Kunst oder Kommerz? Artikel im F.A.Z. Hochschul-Anzeiger Nr.35 / 1997 und Leserbrief

Eingereicht on 17. August 2016 – 16:50

Aus dem Archiv hier ein Artikel aus dem Jahr 1997 des F.A.Z. Hochschul-Anzeigers Nr. 35, S. 34 und eine Erwiderung in Form eines Leserbriefs. Für manche eine Erinnerung, für andere ein Déjà-vu oder auch „hat sich nicht viel geändert“. Aber lesen Sie selbst:

Artikel aus dem F.A.Z. Hochschul-Anzeiger Nr. 35, Oktober 1997

Kunst oder Kommerz?

Design-Studenten treffen den Massengeschmack
Angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation produziert der Designer-Nachwuchs bereits die Diplomarbeit mit Blick auf den potentiellen Arbeitgeber. Die meisten Hochschullehrer sind von dieser Entwicklung wenig begeistert.

Vor sieben oder acht Jahren war alles noch ganz anders. Ende der achtziger Jahre gab es sie noch. die widerborstigen Querdenker In der Masse der Design-Studenten. Damals fühlten sich viele noch als Tell einer künstlerischen Avantgarde, die mit Ihren Arbeiten auch gesellschaftliche Veränderungen herbeifuhren wollten. Nicht von ungefähr machten ausladende Rauminstallationen oder abstrakte, höchst komplexe „Gesamtkunstwerke“ einen ganz entscheidenden Teil der Examensarbeiten aus. 1997 gilt das für Deutschlands Design-Studenten nicht mehr „Individuelle Konzeptionen, die Reibungsflächen für eine ästhetische Auseinandersetzung bieten, werden zunehmend von Arbeiten abgelöst, die kommerziell orientiert und durchgestylt sind“, stellt der Dekan der Fachhochschule Münster, Prof. Dr. Dimitrij Werschbizklj, fest. Integration in die bestehende Ästhetik – das sei derzeit das oberste Gebot unter Deutschlands Design-Nachwuchs, sagt auch Werschbizkljs Kollege Prof. Dr. Marcus Herrenberger. Die Studierenden, so glaubt Herrenberger, reagierten damit zunehmend auf die Anforderungen, die heute von der Wirtschaft an sie gestellt würden: „Da gilt es, den Massengeschmack zu treffen.“ Astrid Lowak ist das beste Beispiel für diese These. Die Design-Studentin entwickelte im Rahmen ihrer DiplomarbeIt einen Messestand für Porsche. Nach Abschluß Ihrer Arbeit bedrängte sie das Porsche-Management in Stuttgart erfolgreich. Als die hohen Herren aus der Marketing-Abteilung schließlich bereit waren, die studentische Arbeit in Augenschein zu nehmen, kannte Ihre Begeisterung fast keine Grenzen. Für das Jahr 2000 hat man Astrid Lowak ein „briefing“ in Aussicht gestellt. 2001 nämlich ändert Porsche turnusgemäß sein Ausstellungsdesign. Die Chancen, Lowaks Messestand dann in Detroit, Tokyo oder Genf im Einsatz zu sehen, stehen nicht schlecht. „Ein traumhafter Erfolg“, kommentiert die junge Designerin – wohlwissend, daß ihre Arbeit ganz auf die Anforderungen des potentiellen Arbeitgebers ausgerichtet war. Astrid Lowak ist kein Einzelfall. Hans Karl Bee entwarf in seiner Diplomarbeit ein Internet-Stadtmagazin für Berlin, das in der einschlägigen Szene auf große Anerkennung stieß. Der Designer arbeitet jetzt in einem Grafik-Büro in der Bundeshauptstadt. Ein drittes Beispiel ist Petra Harnack. Sie hat in Anlehnung an die Dachkonstruktion des Münchner Olympiastadions eine wandelbare Überdachung für die Freilichtbühne im westfälischen Städtchen Kattenvenne entwickelt. Die Theatermacher waren begeistert, löst die Idee der Münsteraner Studentin doch  das Problem der Wetterabhängigkeit ebenso preiswert wie einfallsreich. Finden Sich Sponsoren, wird Petra Harnacks Abschlußarbeit realisiert.

Die Hochschullehrer sehen die Entwicklung mit zwiespältigen Gefühlen. „Die Qualität der Arbeiten hat nicht gelitten“, sagt Prof. Dr. Marcus Herrenberger. Auch sei es verständlich, daß angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation das Studium immer mehr als eine Möglichkeit begriffen werde, sich für den Markt fit zu machen. Andererseits aber seien es gerade die kontroversen und eigenwilligen Arbeiten, die Diskussions- und Denkprozesse auslösten und unverwechselbar seien. In Münster hat man darauf reagiert. Demonstrativ ging der diesjährige Förderpreis des Fachbereichs an Silke Mariaa Brößkamp – für eine sperrige Rauminstallation.

Marc Hagedorn
Der Autor arbeitet als freier Journalist in Münster.

Artikel, F.A.Z. Hochschul-Anzeiger Nr.35, S.34 als PDF hier

Leserbrief vom 29. Oktober 1997, von Philip Zerweck

Erwiderung auf den Artikel „Kunst oder Kommerz“

Es passiert häufig; Artikel über Design und Designausbildung haken und verärgern die, die sich um Design bemühen, als Studenten, Lehrer und Macher. Der Artikel von Marc Hagedorn jedoch schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Wer „Design–Studenten treffen den Massengeschmack“ durchaus wertend untertitelt, hat von Design zuwenig begriffen, um darüber zu berichten. Und wer zudem aus Münster kommend sich lediglich auf die FH Münster beruft, sowie Wertschöpfungsmöglichkeiten als Kommerz titulierend präpostmoderne Gräben wieder heraufbeschwört, darf sich in einer überregionalen Zeitung nicht freier Journalist nennen. Er ignoriert zudem bestehende – sich durchaus unterscheidende – Design(ausbildungs)tendenzen. Einige Spannungsbögen, die Designausbildung heute aufweißt möchte ich erläuternd beitragen:

1. Design war und ist immer eine künstlerische und wissenschaftliche Disziplin, die sich zudem an der Anwendung orientiert. Diese leider häufig als diametral betrachteten Anteile machen jedoch gerade die Qualität aus, die Design zu unserer Kultur beiträgt. Design machen bedeutet immer Kultur schaffen, allerdings Alltagskultur und zwar jene die sich über Objekte und Produkte definiert. Kultur ohne Rezipienten? Produkt ohne Produzent und Konsument, also ohne „Kommerz“?

2. Design muß immer Innovation bedeuten. Keine Innovation ohne Experiment. Andersherum allerdings bedeuten Experimente oder „zweckfreie Designarbeiten“ – was ein Paradoxon, ist Design nicht eine der angewandten Künste? – nicht zwangsläufig Innovation und zwar dann nicht, wenn sie Wirkung, Anwendbarkeit oder Relevanz missen lassen. Der im Artikel dargestellte Gegensatz zwischen „ausladende Rauminstallationen oder abstrakte, höchst komplexe ‘Gesamtkunstwerke’“ gleich wertvoll und z.B. „Messestand für Porsche“ gleich flach, ist somit mindestens unsinnig, denn wäre der Eine nicht auch das Andere und zudem innovativ, interressierte sich niemand und schon gar nicht die Marketing–Abteilung von Porsche dafür, also auch hier ein notwendiges Zusammengehen mit der Wirtschaft.

3. Studenten sind die Ware, die die Wirtschaft den Hochschulen abnimmt. Allerortens Gejammere über die schlechte Qualität dieser Ware; jedoch gemeint ist meist eine fehlende Anpassung. So nähern sich die Ausbildungsstädten den Ansprüchen an. Angepaßte Absolventen geben aber keine Innovationsanstöße. Gleichzeitig sind die Hochschulen ein Hort der Forschung und künstlerischen Entwicklung; gerade im Design ist dieses im Elfenbeinturm nicht machbar.

Diese Annäherungen führt manchen zu artistischen Nummern: Spagat über Zirkelschluß oder anders Stagnation auf sehr hohem Mittelmaß. Um dem zu entgehen zweierlei: Hochschulen und Wirtschaft müssen mehr Dissens ertragen. Und Zusammenarbeit heißt eben nicht gegenseitiges Schulterklopfen. Die Pluralität an Gesellschafts- und Wirtschaftsansprüchen muß ein Äquivalent in Ausbildung und Forschung finden. Nicht nur Fachhochschulen und Hochschulen müssen verschiedene Ziele haben, sondern jede Ausbildung ein eigenes Profil.

Thomas J. Watson Jr., Sohn des IBM–Gründers, sagte zwar 1956: „Good Design is good business“, der Umkehrschluß jedoch ist zweifelhaft.


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Philip Zerweck

Philip Zerweck

Autor, Produktentwickler, Designlehrer und Designwissenschaftler

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